Mittwoch, 2. Januar 2008

Wir haben die Playoffs '08 verpasst (Teil 3/14): Philadelphia 76ers

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Bis zum All-Star-Game wird in Basketball-Philadelphia nur eine Frage vorherrschen: schafft es Andre Iguodala ins Auswahlteam der Eastern Conference? Oder wird er, was ungemein enthusiastisch formuliert wäre da Iggy eh nicht gewählt werden wird, Opfer der Bedeutungslosigkeit der Sixers? Bedeutungslos, denn bereits in den letzten Jahren Allen Iversons in Philadelphia hatten die Sixers mit der Championship ungefähr so viel tun wie Boston Legal mit gutem Geschmack: in den Finals 2001 gegen die Lakers wurden die Schwächen zu offensichtlich, ein anschließender Rebuild versäumt, eine neue Mannschaft zwar zusammengewürfelt, gepasst hat das Ganze dann nicht, in Runde Eins der 2002er Playoffs unterlagen die Sixers in fünf Spielen den Boston Celtics. Von der damaligen Mannschaft ist nur Samuel Dalembert übrig geblieben, ein launiger, als Center verkleideter Power Forward, der heute mehr Spielzeit denn je erhält ohne bemerkenswerte Fortschritte zu verzeichnen - quasi ein Eddy Curry im Mini-Format. Möglich, dass er sich zu einem reinen Def-Center entwickelt und ebenso möglich, dass er dann noch in Philadelphia spielt, denn sein sagenhafter Vertrag garantiert ihm (noch) ca. 43 Millionen $ für die nächsten vier Jahre, freilich alle in Philadelphia. Ein echter Geldverbrenner also. Einer, der den Rebuild verhindert. Ein Pleitenplatzhirsch. Und nicht einmal der einzige: Chris Webber, der sich derzeit auf seinen Vorruhestand vorbereitet, kassiert diese Saison 20 Millionen $ und zwar nicht von den Detroit Pistons sondern, genau, den 76ers. Das Geld lagert zwar schon auf Webbers Konto, nichtsdestotrotz schreibt das Vertragsreglement der NBA vor, dass der Cap der Sixers auch zwei Jahre nach dem buyout Webbers mit dessen Gehalt belastet wird. Ich möchte hier keine Zahlen heraufbeschwören, unter denen sich Normalsterbliche so oder so nichts vorstellen können, allerdings belegen diese vielen Dollars das strukturelle Problem der Sixers: die Mannschaft befindet sich im Rebuild, ohne diesen - wegen Begrenzungen durch den Cap - vollziehen zu können. Auch Reggie Evans wurden die Millionen hinterhergeworfen: der Power Forward mit eindimensonialer Vorliebe für Rebounding steht nicht nur in der Starting Five der 76ers, nein, sein Einsatz für die 76ers könnte vier unerträgliche Jahren dauern. Und die für diesen Zeitraum vertraglich festgeschriebenen 19 Millionen $ kann auch keiner mehr zurücknehmen. Nicht dass ich etwas hätte gegen die Brettkünste Evans', nur wenn eine Rebound- nicht gleichzeitig eine Def-1-on-1-Maschine ist und außerdem keinerlei Offense-Skills vorzuweisen hat, stellt dieser Typ Spieler eine Urgewalt an Basketballuntauglichkeit dar. Ja, Evans mag ein physischer Verteidiger sein, und ja Physis ist in jeglicher Hinsicht wichtig aber eben nicht alles. Und somit haben sich in die unterdurchschnittlich besetzte Starting Five der 76ers zwei Schlechte-Laune-Kanonen gepickelt, die bei Teams, die ernsthaft um die Playoffteilnahme konkurrieren, von der Bank kämen: Dalembert und Evans. Zwei Offensiv-Stopper für das eigene Team, zwei Spieler, die ihre im Talent nur endlich ausgestatteten Teammates noch härter für ihre Wurfversuche arbeiten lassen, zwei Pakete, die zusammen genommen so viel Temparement haben wie eine Briefmarke. Ein weiterer Starter, Willie Green, ist eine nur schmeichelhafte Lösung auf der 2 und würde im Fußballjournalismus als Notlösung bezeichnet werden, denn Green, dessen schlechte Wurfquoten insbesondere von mangelnder Korpergröße herrühren, musste im Dezember 2006 den besten Sixer seit Charles Barkley ersetzen: Allen Iverson.

Es gäbe viele Details, die die trostlose Situation in Philadelphia unterstreichen würden, ein paar unparteiische Fingerzeigs seien mir erlaubt:

- Die Sixers sind mit durchschnittlich 12.881 Besuchern bei ihren Heimspielen im Wachovia Center eines der schlechtbesuchtesten Teams der Liga. Sixers vs. Timberwolves? Keine Partie dürfte un-verlockender klingen! Da helfen auch Tricks bei Verkündung der offiziellen Zuschauerzahlen wenig.

- Selbst Ex-Sixer Allen Iverson bezeichnet die Sixers von heute als dull. Das Dictionary von LEO bietet als Übersetzung dieser Vierbuchstabenkombination u. a. an: grau, niveaulos, träge, verhangen.

- Vollführt selbst den Test und beantwortet Euch folgende Frage: für welchen Basketball stehen die Sixers 2007/08? Genau, keinen! Dabei hätten sie auf den Positionen 2&3 einen Haufen Spieler, die gegnerische Teams in Grund und Boden laufen könnten, Stichworte: fast breaks, Golden State Warriors der Eastern Conference, Young / Iguodala / Carney / ... Auch Kyle Korver würde in diese Aufzählung gehören, nur wurde der gegen Gordan Giricek getradet, wobei dieser Trade deutlich in Hinblick auf nächste Saison getätigt wurde (entspannterer Cap, Gewinn eines First Round Picks).

- Andre Iguodala konnte sich kurz vor Beginn der Saison nicht auf eine Vertragsverlängerung mit dem Sixers-Management einigen und wird somit nach Ablauf dieser Saison restricted free agent werden.

- Mit nur 18.9 Punkten ist Iguodala Top-Scorer der Sixers. Damit nicht genug, folgt ausgerechnet Point Guard Andre Miller auf Platz 2. Zählt man die ASG-Teilnahmen aller aktuellen Sixers zusammen, erhält man eine 0.

- Kurz und knapp: niemand schert sich wegen der Spekulationen bzgl. eines Trades von Andre Miller zu den Cavaliers. Warum? Miller spielt für die 76ers. Und von da kommt, so der Ruf, Gemüse, kein Ringmacher.

- Ausgerechnet Larry Brown könnte, nachdem der glücklose Sixers-GM Billy King durch Ed Stefanski abgelöst wurde, neuer Head Coach in Philadelphia werden. Natürlich nur dann, wenn vorher ein paar Trades durchgeführt werden. Indessen scheint der Abgang vom amtierenden HC, Mo Cheeks, nach dieser Saison beschlossene Sache zu sein.

- Cheeks lässt trotz der vielen jungen Spieler eine sehr knappe Rotation spielen, nur Louis Williams bekommt als erste Bankoption in jeder Partie Einsatzzeiten.


Nach dieser übertrieben schwarzen Momentaufnahme zum Zustand der Sixers noch ein Video (Oktober 2007), welches die nicht immer wetterfeste Medienkompetenz der Sixers widerspiegelt: